01099

An lauen Sommerabenden taucht die untergehende Sonne die Altbauten von Dresden-Neustadt in dieses ganz spezielle, tiefblaue Licht. Gestern ist längst vergangen und morgen noch ferne Zukunft. Alles scheint möglich in den blauen Stunden am Abend und am frühen Morgen, und es gibt niemanden, der das Lebensgefühl dieser zarten Momente so perfekt in melancholische Aphorismen übersetzt wie 01099.

Benannt nach der Postleitzahl der Neustadt, transportiert die aus den Jugendfreunden Gustav, Paul und Zachi bestehende Band in ihren Songs eine reflektierte Lebensfreude, die einer ganzen Generation aus der Seele zu sprechen scheint. Auf Festivalbühnen schwenken 01099 die Regenbogenfahne, und die Zoomer jubeln ihnen dabei zu. Ihr großer Durchbruch kam in den Pandemie-Jahren mit Hymnen wie “Frisch” und “Durstlöscher”. Insgesamt wurden ihre Songs schon über 500 Millionen Mal gestreamt; in der wichtigsten Popularitätswährung dieser Tage, den monatlichen Hörer:innen auf Spotify, stehen sie aktuell bei über vier Millionen und spielen damit in der obersten Liga deutschsprachiger Künstler:innen.

Dabei scheinen sie gerade erst richtig loszulegen. Die 01099-Single “Anders” mit Ski Aggu, dem goldenen Jungen der aktuellen Deutschrap-Saison, war einer der definierenden Songs des Sommers. Auf jedem relevanten Festival haben sie mindestens einen Co-Headliner-Slot gespielt.

Nun also “Blaue Stunden”, das dritte 01099-Album. Natürlich gibt es auch hier wieder die süßen Oden an den Wein vom Späti, das Abhängen vorm Hauseingang mit den Freund:innen und den anderen Nachteulen der Neustadt. Doch es enthält auch Stücke, die einen gewissen Reifeprozess der Protagonisten andeuten und in denen andere Themen eine Rolle spielen als bisher: In “Herz ist kalt” oder “Alles war gelogen” reißen die Rapper neue Inhalte an und bewegen sich weg vom reinen Vibe-Rap, hin zu beinahe erwachsenen Song-Konzepten. Neben den bereits veröffentlichten Songs mit Ski Aggu und dem jungen Berliner Rapper $oho Bani (“Cider”) gibt es eine schlüssige Kollaboration mit Trettmann (“In der Nacht”), ein Stück mit der Wiener Sängerin Verifiziert (“Matin”), sowie einen Track mit RIN (“Wahnsinn”), der die Band gerade zu Beginn ihres Wegs stark inspirierte.

Wenn man nach dem Geheimnis von 01099 sucht, stößt man irgendwann auf eine nicht besonders komplexe Formel: Sie sind komplett authentisch, egal wie abgegriffen diese Vokabel auch erscheinen mag. Denn sie fantasieren sich keine fiktive Hip-Hop-Biografie herbei, sondern sind einfach nur sie selbst – drei Freunde aus der Dresdner Neustadt mit einem unnachahmlichen Gespür für große Melodien und auf den Punkt gebrachte Zeilen. Ihre größte Stärke ist es, universelle Emotionen auf ihre reine Essenz zu reduzieren und daraus Bilder im Kopf entstehen zu lassen. Nichts anderes passiert auf diesem Album, und nichts anderes hat große Popmusik je gemacht. Die nächsten blauen Stunden kommen bestimmt.

 

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